1. London Calling 03


    Datum: 06.11.2016, Kategorien: Erotische Verbindungen,

    Platz gut gebrauchen." „Was meinst du, zu Gast sein? Ich dachte ich ziehe mit ein?" Huch. Davon hatte sie bislang noch keinen Ton gesagt. Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass sie auch nur einmal ein Bedürfnis bekundet hatte, von zu Hause auszuziehen. „Ehm ... haben wir das explizit besprochen? Ich kann mich gar nicht dran erinnern ..." Sie sah enttäuscht aus, irgendwie fast wütend. „Ich dachte, das wäre selbstverständlich." Ich schwieg betroffen. Die letzten Wochen und Monate waren sehr schön gewesen, zugegeben. Aber zusammenziehen? Am Anfang war ich verliebt gewesen. Jetzt hatte ich sie zwischen gern und lieb. Aber richtig lieben tat ich sie nicht. Ich schwieg viel zu lange, konnte dann nicht mehr verhindern, dass sie sich zurückgewiesen fühlte. „Du willst nicht mit mir leben? Ist es das? Warum tust du mir so weh?" Ich stand völlig neben mir. Das Drama entfaltete sich vor meinen Augen, aber ich war unfähig einzugreifen. Der Moment, den ich für unausweichlich gehalten hatte, der nichtsdestotrotz irgendwo in ungreifbar weiter Ferne gewesen zu sein schien, war plötzlich da. Die Stunde der Wahrheit. Das Ende einer Illusion. Es war ein Traum gewesen, ein schöner Traum, zugegeben. Jetzt zerschellte er an der Realität. Mein Schweigen brachte sie zum Weinen. „Du liebst mich nicht ... ich fass es nicht ... all die Zeit ... du liebst mich ...
    nicht." Hätte ich sie in diesem Augenblick in den Arm genommen und getröstet, ihr das Gegenteil versichert, wäre sicher eine Möglichkeit da gewesen, die Situation noch zu retten, vielleicht sogar ohne zusammenziehen zu müssen. Aber ich war wie gelähmt. Ich konnte sie nicht einmal mehr ansehen. „Es tut mir leid." Sie schluchzte und riss meine Hand von ihrer Schulter. Dann rannte sie blind über die Straße und hatte Glück, dass sie nicht von einem Auto erfasst wurde. Sie verschwand im Eingang zur U-Bahn. Ich hatte den Impuls ihr nachzulaufen. Aber was sollte das bringen? Ich sah mich suchend um. Dann fand ich einen Tabakshop und kaufte mir eine Schachtel Zigaretten. Mir wurde fast schlecht von den ersten Zügen und vielleicht nicht nur davon. Wie angeknockt wankte ich zur U-Bahn. Dort war sie nirgends mehr zu sehen. Einsam und verlassen stand ich am Bahnsteig. Neben mir standen zwei feixende Jugendliche. Nach einiger Zeit hörte ich ein halblautes „Lefty, Lefty." Schließlich kam einer von ihnen zu mir. „Du bist Lefty, nicht wahr?" „Nö. Ich seh' ihm wohl ähnlich, aber ich bin's nicht. Ich komm aus Deutschland, wie du vielleicht hören kannst." „Stimmt, die Stimme klingt anders. Nichts für ungut, Mann." Ich war nicht Lefty. Ich war nicht einmal mehr ich selbst. Ich war gar nichts mehr. Niemand. Eine Nullfigur. Fröstelnd und leer fuhr ich nach Haus. ~~~
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