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Liebe, Tod und Neuanfang
Datum: 03.12.2017, Kategorien: Sonstige,
und sie verstand. Im Gegenzug fragte ich sie: "Dein Mann?", und bekam die gleiche Geste von ihr, die ich bereits gemacht hatte. Damit war ihre Neugierde anscheinend befriedigt und wir trennten uns bis zum nächsten Mal. So erfuhr ich langsam mehr von ihr und sie von mir. Wir breiteten unsere Gefühle und Gedanken zwar nicht vor uns aus, doch einige Informationen kamen noch rüber. So erfuhr ich von ihr, dass ihr Mann Ingo vor fünf Jahren gestorben war. Als sie in ihrer Funktion als Chefsekretärin in unsere Stadt versetzt wurde, hatte sie ihren Mann umbetten lassen, damit sie ihn in ihrer Nähe wusste. Seine Asche gab ihr immer noch den Halt im Leben, den sich brauchte. Sie war nach seinem Tod in ein tiefes Loch gefallen und war fast daran gescheitert. Nur mit der Hilfe einiger Freunde und eines Psychologen, hatte sie es geschafft und war in einem Gleichgewicht, welches jedoch auf tönernen Füßen stand. Sie wusste, dass sie noch labil war, besonders was den Umgang mit anderen Menschen, besonders Männern anging. Sie wusste, dass sie Verlustängste hatte, aber dieses Wissen nutzte ihr nichts. Die Psyche lies sich nicht mit Wissen austricksen. Also war ihr einfachstes Mittel dagegen, sich von anderen Menschen abzukapseln, wenn auch ihr Seelenklempner es lieber anders gesehen hätte. Alles das erklärte, warum sie sich verhielt, wie sie es tat. Sie sah nicht nur zerbrechlich aus, sie war es in gewissem Maße auch, wenn auch nicht körperlich. Ein paar Tage später lud ich sie unverbindlich ... zum Kaffeetrinken in ein Lokal ein. Ich stellte ihr frei, ob sie kommen würde. Ich wollte sie zu nichts drängen. Ich sagte nur Uhrzeit und Ort. Sie sagte, dass sie es ich überlegen würde. Als ich im Kaffee saß, erwartete ich es eigentlich nicht, dass sie kommen würde, doch ich hatte mich getäuscht. Pünktlich kam sie zur Tür herein. Ich war überrascht, aber nicht weil sie erschienen war, sondern weil ich sie nur im Anzug kannte. Diesmal hatte sie sich sportlich gekleidet und trug höhere Schuhe als sonst. Sie steuerte sofort meinen Tisch an und unser begrüßendes "Hallo" war obligatorisch. Mir war in den letzten Tagen aufgefallen, dass sie sich leicht geändert hatte, vielleicht sogar verwandelt. Sie sah nicht mehr so traurig aus wie sonst, was täuschen konnte. Was man auf alle Fälle sah, war, dass sie öfter lächelte. Es war ein sehr feines, angedeutetes Lächeln, doch es war da. Es sah aus, als wenn sich dabei ihre ganze Art änderte und es machte mir mehr als Freude, dies zu verfolgen. Wir saßen uns gegenüber und wir erzählten uns belanglose Dinge. Trotzdem machte es mir viel Spaß. Es war herrlich ihr zuzusehen, wie sich ihre Mimik änderte, denn ihr Gesichtsausdruck konnte sich von einer zur anderen Sekunde ändern. Es ging fließend ineinander über und es konnte sein, dass sie grinste und eine Sekunde später aussehen, als wenn man gerade etwas Dummes gemacht hatte. Dann spiegelte sich sofort etwas sie Verärgerung wieder. Ab und zu musste ich darüber grinsen und sie frage mich mehr ...