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Liebe, Tod und Neuanfang
Datum: 03.12.2017, Kategorien: Sonstige,
die Tränen hätte sie jetzt zerstört ausgesehen. So waren ihre Augen nur leicht gerötet. Dann versuchte sie aufzustehen doch ich musste ihr helfen, denn die lange Zeit in der Hocke, machte sich unangenehm bemerkbar. Als wir es geschafft hatten, begleitete ich sie zum Ausgang des Friedhofs, denn es regnete nach wie vor. Zwar nicht mehr so viel, doch es reichte aus, um nass zu werden. Dann richtete sie ihren Schritt nach links und ich folgte ihr, um weiterhin den Schirm über sie zu halten. Nur fünfhundert Meter weiter, kamen wir an ein Bürogebäude, an dessen Eingang sie stehen blieb und sich zu mir drehte. Sie griff mit beiden Händen an meinen Kopf, zog ihn herunter und stellte sich selber auf die Zehenspitzen. Dann bekam ich einen gehauchten Kuss auf eine Wange. Es war das Dankeschön, für meine geleisteten Dienste und ich fühlte mich reichlich belohnt. Damit gerechnet hatte ich nicht. Eva drehte sich um und ging in das Gebäude hinein. Ich nahm an, dass dies der Grund war, warum sie immer zur gleichen Mittagszeit kam. Sie nutzte ihre Pause dazu, zum Friedhof zu gehen. Seit dieser Zeit begrüßten wir uns, wenn wir uns sahen. Wenn also nichts dazwischen kam, was nicht vorkam, jeden Montag, Mittwoch und Freitag. Ich war zu einem freundlicheren "Hallo" übergegangen, das von ihr gleich beantwortet wurde. Sogar eine kleine Konversation konnte manchmal entstehen, wenn auch auf seichtem Niveau. Wir sprachen über das Wetter oder Ähnliches, Persönliches kam nie zur Sprache, wurde von ... vornherein ausgeklammert. Es war mir recht und Eva ging es nicht anders. Eines Tages, als wir wieder nebeneinander am Arbeiten waren, sah sie zum Himmel herauf und meinte nebenbei: "Es ist schade, dass es nicht mehr regnet. Ich würde zu gerne mit einem Schirm auf der Bank dort drüben sitzen. Es scheint interessant dort zu sein!" Ich weiß nicht, wie ich es sagen sollte, aber ich fühlte mich ertappt. Also hatte sie mich bemerkt, genauso wie ich es vermutet hatte. Ich machte gute Miene zum Spiel und antwortete: "Ja, man sitzt dort gut und kann von da aus interessante Menschen beobachten. Sogar im Regen, obwohl dann nicht viele hier sind. Wenn es nicht regnete, ist es besser." "Seltsam, es ist mir nicht aufgefallen, dass dich andere Menschen interessiert haben!", sagte sie und drehte ihren Kopf zu mir. Sie hatte es die ganze Zeit gewusst. Das konnten nur Frauen. Beobachten ohne das Mann es merkte. Diese Eigenschaft war mir schon immer unheimlich gewesen, gehörte jedoch zu den Frauen, wie das Gespür für Stimmungsschwankungen bei anderen Menschen. "Es könnte daran liegen, dass ich nicht alle Menschen interessant finde!", sagte ich ausweichend, wobei ich versuchte auf ihre Körpersprache zu achten. Aber es fiel mir nichts an ihr auf, was ungewöhnlich für sie wäre. "Ach ja", sagte sie fast nebenläufig und nickte in die Richtung von Silvias letzter Ruhestätte. "Deine Frau?" Ich war überrascht. Es war das erste Mal, dass sie etwas Persönliches fragte. So überrascht, dass ich einmal nickte ...