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Liebe, Tod und Neuanfang
Datum: 03.12.2017, Kategorien: Sonstige,
ihr Kopf sich in meine Richtung drehte. Das hatte sie zuvor noch nie getan. Vielleicht lag es daran, dass es seltsam war, dass jemand bei dem Regen, auf einer Bank saß. Ich hatte dabei nicht bedacht, dass ein knallbunter Regenschirm, einer wie meiner, jetzt besonders auffiel. Doch sie sah nur kurz zu mir herüber, wandte sich sofort wieder ab und ging. Leider verwehrte es mir die Entfernung ihr Gesicht in den Einzelheiten zu sehen, die mir erlaubt hätte zu entscheiden, wie sie aussah. Aber ich meinte, eine südländische Tendenz zu erkennen. Zumindest würde es zu ihrem schwarzen Haaren passen, welches sie entweder als Zopf trug oder hochsteckte. Ich wurde richtig neugierig, denn ich wollte endlich wissen, wie sie aussah. Also ging ich am Montag um halb elf zum Grab von Silvia und begann es ausgiebig zu pflegen. Eine solche Pflege dauerte seine Zeit, sicher länger als bis um fünf nach zwölf Uhr. Ich machte also weiter und wie immer kam sie zur gleichen Zeit den Weg entlang. Sie sah mich zwar, aber das schien sie nicht davon abzuhalten das zu tun, was sie immer tat. Als sie angekommen war, sagte ich freundlich wie möglich: "Guten Tag!", und sah sie dabei an. Sie drehte nur kurz ihren Kopf eine Richtung und nickte merklich, dann begann sie mit ihrem tun. Gras schneiden und Rose auswechseln, wie immer. Auch wenn ich ihr nur kurz ins Gesicht sehen konnte, reichte es mir, das Gesamtbild von ihr zu vervollständigen. Wie ich vermutet hatte, war sie der südländische Typ. Allerdings ... schien sie nicht daher zu kommen. Ihr Gesicht war fein geschnitten und wäre als italienisch durchgegangen. Dazu war sie noch relativ jung. Zumindest im Gegensatz zu mir, also zwischen fünfundzwanzig und dreißig. In ihrem Gesicht dominierten ihre beiden großen, schwarz wirkenden Augen, die etwas Trauriges, Melancholisches innehatten. Dazu kam eine kleine, spitze Nase und einem relativ kleinen Mund, dessen schmale Lippen von einem kräftigen, roten Lippenstift hervorgehoben wurde. Er konkurrierte mit den Augen, konnte aber gegen sie nicht gewinnen. Hatte ich schon von Weitem bemerkt, dass sie klein war, wurde es mir jetzt erst recht bewusst. Viel mehr als einen Meter fünfzig war sie nicht, oder vielleicht noch fünf Zentimeter mehr, doch das hätte ich erst abschätzen können, wenn sie ihre Schuhe ausgezogen hätte. Als noch ein kleiner Windstoß von ihrer Seite auf meine wehte, kitzelte meine Nase der Duft von einem Parfüm, was sicher nicht zu günstigen zählte. Es war ein alter Duft, das konnte man sofort erkennen. Nicht sportlich wie die Heutigen, Modernen, sondern eher süßlicher, weiblicher. Zumindest gefiel es mir wesentlich besser, als vieles was es heute gab. Bevor sie fertig war, ging ich nach Hause, denn ich hatte keinen Grund mehr länger dort zu bleiben. Alles, was ich jetzt noch getan hätte, wäre als nicht mehr nötig aufgefallen. Alle Frauen hatte ich bis jetzt mit Silvia vergliche, bei ihr war es nicht anders. Was mir sofort auffiel, war, dass die beiden nichts, wirklich nichts ...