1. Liebe, Tod und Neuanfang


    Datum: 03.12.2017, Kategorien: Sonstige,

    gerechnet, dass die Tür so schnell aufgehen würde. Doch sie setzte ihr gewinnendes Lächeln auf und sah mich verwundert an. Erst da kam mir in den Sinn, sie hereinzubitten und ihr den Weg freizumachen. "Na, hattest du eine schöne Woche?", fragte sie mich, als wir im Wohnzimmer Platz genommen hatten. "Es war eigentlich eine schöne Woche, zumindest was das Wetter angeht!" "Es ist seltsam. Seitdem wir uns wiedergetroffen haben, fallen mir immer mehr Dinge von früher ein. Weist du noch, wie wir beim Nachbarn in die Bäume geklettert sind und uns an seinen Pflaumen gütlich getan haben? Oder weist du noch die Sache mit den Brenngläsern, mit denen wir im Sommer herumgekokelt haben?" Während sie davon erzählte, was ihr eingefallen war, sah ich ihr gespannt zu und ich konnte ein Leuchten in ihrem Gesicht erkennen. Sie blühte auf und manches Mal ertappte ich mich dabei, sie als kleines Mädchen zu sehen. So hatte ich sie in Erinnerung behalten und ich musste grinsen. Sie redete weiter und weiter, kramte immer mehr alte Erinnerungen aus ihrem Gehirn, die ich selber ebenfalls wiederfand. Sicher nicht alle, doch die meisten. So schlichen sich immer mehr Bilder vor meine Augen. Ich sah die alte Schaukel vor mir, aus der wir so weit absprangen, wie möglich. Das wurde zu einer Art Meisterschaft. Oder wir malten auf der Straße vor dem Haus, die wenig befahren war. Dazu suchten wir verschiedene Steine, mit denen wir malen konnten. Nicht wie heute, mit Kreide für die Straße, die es heute zu kaufen ...
    gab. Das gab es noch nicht. Dazu suchten wir in den Gärten meiner und ihrer Eltern und waren glücklich, wenn wir zum Beispiel ein Stück von einem Klinkerstein fanden. Dieser rot gebrannte Tonstein behielt auf der Straße seine Farbe und setzte sich dementsprechend gut ab. Immer mehr Erinnerungen wurden von uns abwechselnd aus den hintersten Winkeln unseres Gehirns geöffnet. Ab und zu schliefen wir am Wochenende bei dem anderen. Dazu packte man sich seine Decke und das Kopfkissen ein und war für die Nacht gerüstet. Am tollsten wurde es, als meine kleine Freundin ihren ersten Fernseher bekam. Ich selber hatte keinen und war etwas neidisch. Wenn ihre Eltern schliefen, machten wir heimlich den Fernseher leise an, um uns die Sendungen anzusehen, die nicht für uns gedacht waren. Gut, es gab nur drei Sender, aber das reichte, um ab und zu etwas zu sehen, was interessant war. Leider hatte das manchmal die Auswirkungen, dass man danach erst recht nicht mehr schlafen konnte. Sicher, die Horrorfilme und Krimis der Zeit waren nicht das, was man heute kennt, aber zu der Zeit, reichte es für Kinder aus, ihnen den Schlaf zu rauben. Trotzdem musste man es sich antun. Man musste beweisen, dass man keine Angst hatte, so wie Babys. Man war alt genug. Zumindest nach außen. In einem drinnen, sah es anders aus. Man blieb die halbe Nacht wach, weil man glaubte, dass gleich ein Monster durch die Tür kam. Silvia und ich lachten darüber. Besonders als wir entdeckten, dass es uns beiden gleich ergangen ...
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