1. Spieglein, Spieglein ...


    Datum: 03.12.2017, Kategorien: Sonstige,

    verfangen hatten. Mehrmals zog ich die Luft tief durch meine Nase, konnte mir jetzt gut vorstellen, wie Klara roch. Betörend. Da ich jetzt schon so weit war, konnte ich auch gleich den Rest überwinden. Meine Aufregung war so groß, dass meine Beine leicht zitterten, als ich sie hob und mitsamt meinem restlichen Körper durch die Scheibe schob. Nur wenige Sekunden später stand ich vollkommen in Klaras Zimmer und sah an mir herunter. Alles war noch so, wie es sein sollte. Es hatte sich nichts verändert. Um nicht entdeckt zu werden, schlich ich zur Tür, fand den Schlüssel und schloss ab. Jetzt fühlte ich mich sicherer. Wenn jetzt jemand kam, musste er schon die Tür aufbrechen, um mich zu entdecken. Das gab mir genug Zeit wieder zurückzukommen. Hoffte ich zumindest. Deswegen wandte ich mich wieder dem Gegenstück von meinem Spiegel zu. Er sah genauso aus wie meiner, nur die Teufelsfratze war anders. Bei mir hatte sie etwas von einem qualvollen Schrei, hier waren ihre Mundwinkel zu einem hämischen Grinsen nach oben gezogen. Sie schien denjenigen zu verspotten, der sie ansah. Vollkommen gegensätzlich zu meinem Abbild auf der anderen Seite. Mit starkem Herzklopfen drückte ich jetzt von dieser Seite meine Hand gegen die Glasfläche und erwartete das Schlimmste. Manchmal war ich ein kleiner Pessimist, was sich hier nicht bewahrheitete. Genauso wie auf meiner Seite konnte ich meine Hand hindurchschieben. Da dies schon funktionierte, ging ich davon aus, dass der Rest auch machbar war. Also ...
    zog ich meine Hand zurück und drehte mich um. Ich wollte diesen Raum ein wenig erkunden, wenn ich schon einmal hier war. Auch wenn es nicht viel gab, dass zu entdecken sich lohnte, was es aufregend hier zu laufen. Immerhin kannte ich es nur vom Sehen. Zuerst ging ich zu Klaras Bett herüber und testete es aus alter Gewohnheit, ob es auch weich war. Das war es wirklich. Fast zu weich. Aber dafür fühlte sich die dicke Decke wunderbar flauschig und warm an. Ich hob sie etwas an und drückte meine Nase hinein. Der Duft, der mein Riechorgan reizte, musste der von Klara sein, so wie jeder Mensch einen Eigenduft hatte. Sie roch ungemein gut. Wenn dieser Duft etwas zu essen gewesen wäre, hätte ich gemeint, an einer Zuckerstange zu lecken. Wirklich lecker. Dann setzte ich mich auf die Decke und sah mich weite im Raum um. Dabei fiel mein Blick auf das Buch, was Klara zuvor gelesen hatte. Ich nahm es in die Hand und sah mir den Titel an. Zuerst konnte ich es nicht lesen, was auf der einen Seite daran lag, dass es alte, verschnörkelte Buchstaben waren. Aber das war gar nicht, was mich daran hinderte, sondern etwas ganz anderes. Als ich das Buch aufschlug, wurde mir klar das es gar nicht an den Buchstaben selber lag, sondern daran, dass es in Spiegelschrift geschrieben worden war. Als sprachen sie nicht nur verkehrt herum, sondern schrieben auch so. Wundern tat es mich nicht mehr. Sonst gab es nicht mehr viel zu sehen. Im toten Winkel, dort wo ich normalerweise nicht hinsehen konnte stand ...
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