1. Spieglein, Spieglein ...


    Datum: 03.12.2017, Kategorien: Sonstige,

    liegende Position, in der ich es gut aushalten konnte. Es war so angenehm, dass ich leicht einnickte und nicht mitbekam, dass auf der anderen Seite mehr Licht angemacht wurde. Klara war zurückgekommen und stand vor dem Glas. "Christoph?", kam wie immer ihre Frage und ich erwachte sofort aus meinem Schlummer. Einmal wischte ich mir den Schlaf aus den Augen und sah in ihrer Richtung. "Entschuldige! Ich bin etwas eingeschlafen. Na, wie ist es dir ergangen?" "Überhaupt nicht gut. Ich habe mich mehr als geärgert. Der Schneider ist ein Rindvieh. Er hat alles viel zu weit geschnitten. Jetzt hängt das Kleid wie ein nasser Sack an mir. Er hat doch tatsächlich behauptet, dass ich abgenommen hätte. Als wenn ich jemals wie eine Presswurst ausgesehen hätte. Also wirklich. Der Schneider hat sein Handwerk nicht im Griff. Ich sollte ihn in den Schuldturm werfen lassen!" Wow, Klara war wirklich auf hundertachtzig. So hatte ich sie noch nicht gesehen und es war nicht abzusehen, wann sie wieder auf den Boden zurückkommen würde. Trotzdem fand ich sie in ihrer Wut irgendwie niedlich. Sie griff sich mehrmals in die hoch aufgesteckten Haare, die natürlich ihre Form verloren. Wirr hingen sie durcheinander und machten aus Klara, langsam aber sicher, einen zerzausten Besen. Ich musste lachen, konnte es einfach nicht zurückhalten, denn sie führte sich auf, wie ein wild gewordenes Etwas. Klara blieb in ihrer Bewegung einfach stehen, als sie mich lachen hörte. Sie drehte nur ihren Kopf in meine ...
    Richtung und funkelte mich an. "Männer!", kam es in einem verachtendem Ton, über ihre Lippen. Dabei sah sie aus, als wenn sie mich fressen wollte. Temperamentvoll, dachte ich nur, behielt es aber für mich. Dann kam sie auf den Spiegel zu und sah auf eines der Tischchen, dann auf den anderen. "Wo ist das olle Ding nur?", fragte sie sich selber. Dann beugte sie sich herunter und sah unter die Tischchen. "Habt ihr es vielleicht gesehen? Eine kleine silberne Brosche, etwa so groß!", dabei spreizte sie Zeigefinger und Daumen auseinander, um die Größe anzuzeigen. Ich wusste genau, was sie damit meinte, hielt ich die Brosche doch gerade in der Hand. Was konnte ich anderes als tun als erneut lügen: "Nein, habe ich nicht gesehen!" Um noch eines darauf zu tun, sagte ich noch herausfordernd: "Man soll seine Sachen eben nicht überall herumliegen lassen, wo man sie nicht wiederfindet!" Damit hatte ich den Vogel abgeschossen und war froh darüber, dass ich auf der anderen Seite saß. Wäre ich körperlich anwesend gewesen, dann hätte mir Klara sicher etwas an den Kopf geworfen. Mangels Anwesenheit und Wurfobjekt kam ich aber noch einmal glimpflich davon. Klara schnaubte nur noch einmal und rannte dann, ohne mich eines weitern Blickes zu würdigen, aus dem Raum. Kaum war sie gegangen, drückte ich meinen Arm ein weiteres Mal durch das Glas und legte die Brosche mitten auf den Tisch. Gespannt wartend setzte sich mich auf meinen Stuhl. Klara würde sicher bald wiederkommen und darauf freute ich mich. Kaum ...
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