1. Spieglein, Spieglein ...


    Datum: 03.12.2017, Kategorien: Sonstige,

    Töchter waren immer schon eine seltsame Verbindung. Ich konnte mich leider kaum umsehen, stattdessen führte mich Klaras Vater zur nächsten Tür, hinter der wir in einen recht gemütlichen Raum kamen. Um einen wuchtigen Tisch standen vier große, rustikal aussehende Sessel, die zum Sitzen einluden. In einem saß bereits Klaras Mutter, die uns interessiert und mit einem gewinnenden Lächeln, entgegen blickte. Klaras Vater stellte sie mir vor und ich machte die Andeutung einer Verbeugung, was sie mit wohlwollen entgegen nahm. Ich trat auf sie zu, überreichte ihr das kleine Päckchen, in dem der Schal war, und sagte kurz und knapp: "Gnädige Dame, ich habe hier eine kleine Aufmerksamkeit für euch mitgebracht. Ich hoffe ihr werdet das Mitbringsel gerne annehmen. Es ist nichts Besonderes, aber es würde mich freuen, wenn ihr es tragen würdet!" Den Sprachgebrauch hatte ich mir bei Klara abgeschaut und hoffte, einigermaßen den richtigen Ton zu treffen. Dabei war ich mir aber sicher, dass es so nicht wirklich stimmte. Aber das spielte keine Rolle, da ich von weit weg herkam. So zumindest hatte es Klara ihrer Mutter berichtet. Das entschuldigte dann, wenn ich etwas falsch machte. Das Lächeln auf dem Gesicht von Klaras Mutter wirkte wie eingemeißelt und sehr unnatürlich. Nur ihre Augen verrieten ihre Neugierde auf das, was in dem Päckchen war. Sie machte es langsam und vorsichtig auf und entnahm den weichen und leichten Stoff. Sofort hielt sie es an die Wange und verdrehte ihre Augen. "Ein ...
    sehr schönes Geschenk. So etwas habe ich noch niemals bekommen. Vielen Dank an euch. Ich werde es immer in Ehren halten!" Während sie das sagte, funkelte sie ihren Mann an. Wollte wohl damit ausdrücken, dass ich ihr etwas mitgebracht hatte und ihr eigener Mann sie vernachlässigte. Er sah etwas beschämt zu Boden, brachte kein Wort heraus. Stattdessen zeigte er auf einen der Sessel und lud mich dazu ein, Platz zu nehmen. Was jetzt folgte, war eine Art Verhör, was mir mit der Zeit immer mehr Spaß machte. Hatte ich hier doch die einmalige Chance, zwei Menschen zum Wahnsinn zu treiben. Sie bekamen einfach nicht heraus, wer oder was ich eigentlich war. Selbst nach einer Stunde wussten sie nicht viel mehr als zuvor. Ich war in ihren Augen wohlhabend, vielleicht sogar reich, kam nicht aus der Gegend, war nicht verheiratet und fühlte mich zu ihrer Tochter hingezogen. Soweit alles in Ordnung. Woher ich aber den Reichtum hatte und was ich eigentlich machte, bekamen sie nicht heraus. Über alle weitern Auskünfte ließ ich sie im Unklaren, so sehr sie sich auch bemühten. Mit der Zeit gingen ihnen die Fragen aus und es kam zu immer längeren Pausen während des Gesprächs. Zum Schluss ging Klaras Vater zu ihr, um sie zu holen. Wenig später saß sie in dem letzten noch verwaisten Sessel und sah zwischen uns Dreien hin und her. Sie wusste nicht, was bis jetzt vorgefallen war und war verunsichert. Doch ihr Vater lächelte ein wenig und auch mein Gesichtsausdruck war nicht negativ. Bei Klaras Mutter war ...
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