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Spieglein, Spieglein ...
Datum: 03.12.2017, Kategorien: Sonstige,
Spiegel saß. Viele verschiedene Menschen kamen in meinen Blickwinkel und oftmals konnte ich an ihren Gesprächen einen Anteil haben. Dabei lernte ich besser und schneller als zuvor. Etwas wirklich zu hören war ein besserer Unterricht als alles andere, was ich zuvor gemacht hatte. Soweit ich es mitbekam, ging es wirklich um ein großes Fest, was bald stattfinden sollte. Eines, was es zuvor so noch nicht gegeben hatte. Pompös hätte man es auch übersetzten können. Später bekam ich heraus, dass es um eine Hochzeit ging. Eine der hochgestellten Damen sollte unter die Haube kommen und würde zu einer Gräfin aufsteigen. Wenn ich es mit den alten Adelstiteln verglich, die es auf meiner Seite des Spiegels gab, war das schon was. Inwieweit sich aber die Hierarchie von unserer unterschied, konnte ich nicht sagen. Was mir bei der ganzen Sache aber am meisten Freude bereitete war, dass Marie und Klara fast jeden Tag vorbei kamen. Sie standen minutenlang vor mir und unterhielten sich über mich. Anders konnte ich es mir nicht vorstellen. Klara war dabei mehr als enttäuscht, dass sie mich niemals zu sehen bekam. Sie musste auf das Vertrauen, was Marie erzählte, auch wenn es sich immer wieder wiederholte. Einmal sah Klara sogar in den Spiegel, hielt ihrer Hände unter ihre hervorstehenden Brüste, hob sie noch etwas höher an und meinte mit einer gedämpften Stimme: "Na unbekannter Mann hinter dem Spiegel, gefällt euch, was ihr seht?" Dabei formte sie einen Kussmund und ich hörte das bekannte ... Geräusch, das ein Kuss bildete. Dabei blieb ihr Gesichtsausdruck einen Moment vollkommen starr, doch dann lachte sie auf einmal los und sah Marie an. "Eigentlich solltest du ihm auch mal etwas bieten. Immerhin hast du ihn ja auch gesehen. Es würde ihn sicher freuen!" Marie stellte sich neben Klara, sah aber schüchtern geradeaus und ich konnte an ihren Augen erkennen, dass diese nach mir suchten. Sie wanderten von einer Seite zur anderen, blieben aber auf keinem Punkt haften. Selbst als ich jetzt einen Arm hob und damit winkte, war es für sie nicht zu erkennen. Ihre Augen hätten sonst den Arm fixiert. Auf einmal kam mir ein seltsamer Gedanke. Wenn ich sie hören konnte, wie war es anders herum. Bis jetzt war ich immer vollkommen still gewesen, hatte nur den Worten der Menschen gelauscht, ohne ein Wort zu verlieren. Warum auch. Mir hatte das Zuhören bis jetzt vollkommen gereicht. Fast wagte ich es nicht, mein Herz klopfte wie wahnsinnig, als ich überlegte, was ich sagen sollte. Ich konnte doch nicht einfach drauf losquatschen. Klara und Marie standen noch einen Moment vor dem Spiegel und ich wusste, dass sie sich immer von mir oder besser gesagt dem Spiegel verabschiedeten, wenn sie sich zurückzogen. Sie hatten es zumindest bis jetzt immer gemacht. Genauso war es einen Tag später, jedoch war nur Klara anwesend. Dieses Mal war es nicht anders als sonst. Klara legte ihren Kopf etwas schräg zur Seite und meinte zum Schluss mehr aus Spaß: "Ich wünsche euch noch einen schönen Tag Spiegel!" ...